Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur vierten Auszeit anders.

Auch heute möchte ich mit Ihnen wieder eine Ohrenreise in den Süden unternehmen.
Diesmal geht es nach Spanien. 

Noch mehr als bei den klassischen italienischen Instrumenten muss sich der Spieler umstellen, wenn er an einer der schönen alten Barockorgeln Spaniens sitzt. Immer noch ganz nahe ist mir eine Orgelfahrt nach Mallorca 2008, bei der uns Professor Hans-Dieter Möller, einer der besten Kenner der Materie, mit Instrumenten und der bei uns fast unbekannten Literatur vertraut machte. Das waren Lehr- und noch mehr Erbauungsstunden, von denen ich heute noch zehre und in denen ich mich sofort wieder befand, als ich mich in den vergangenen Tagen durch meine spanischen Noten spielte. Und das Betrachten der Fotos dieser Reise tat ein übriges, die schönen Erinnerungen von damals wieder heraufzuholen.

Die in der spanischen Orgelmusik am häufigsten verwendete Gattungsbezeichnung lautet Tiento und alle sechs Kompositionen des heutigen Programms sind Tientos. Das klingt auf den ersten Blick nach Eintönigkeit. Aber unter diesem Oberbegriff verbergen sich höchst unterschiedliche formale Lösungen, die Sie heute kennenlernen können. Ein Tiento kann eine aufgezeichnete Improvisation sein, das harmonische Spiel mit vermeintlich falschen Tönen begegnet uns beim Tiento de falsas, wir können kunstvollste Polyphonie erleben und hören die Anwendung einer Eigenart vor allem spanischer Orgeln, der geteilten Schleifen, die ein solistisches Spiel der rechten oder der linken Hand zulassen (bei den Stücken von Francisco Andreu, Andrés do Sola und Juan Cabanilles). 

Im strahlenden Tiento von Puxol wandle ich auf den Spuren eines spanischen Tutti mit Beteiligung der Trompeten und hoher Mixturen. Als Kontrast folgt ein ganz zartes und meditatives Stück von Pablo Bruna: über eine abenteuerliche Treppe gelange ich an die Orgel, bin dem Kirchenraum entrückt und spiele sehr weit oben ganz still und in mich hineinhorchend diese Musik. Schließen Sie die Augen. Und suchen Sie nachher im Internet nach Bildern der großartigen Jordi Bosch-Orgel in der Kathedrale von Santanyi. 

Das ruhige Tiento de falsas von Jose Elias steuert nach vierzehn viertaktigen Anläufen ganz erlösend wieder auf das C-Dur zu, mit dem es begonnen hat. Und ich freue mich, dass es erreicht wurde und schließe mit einem anderen schönen C-Dur von Juan Cabanilles.

Andrés do Sola (1634 bis 1696)

Francisco Andreu (17. Jahrhundert)

Lucas Puxol (17. Jahrhundert)

Pablo Bruna (1611 bis 1679)

Jose Elias (1678 bis 1755)

Juan Cabanilles (1644 bis 1712)

Ich wünsche Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch