Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur siebten Auszeit anders.

Als ich am vergangenen Samstag eine alte Folge der Krimi-Reihe um den in die Bretagne strafversetzten Pariser Kommissar Dupin sah, bin ich in Gedanken erneut verreist. Ich sah mich durch Monets Garten in Giverny spazieren, durch Dörfer und Städtchen der Bourgogne streifen und hörte die Orgeln von Paris. Sie ahnen es: heute gibt es einige Kleinigkeiten aus dem Füllhorn der französischen Orgelmusik.
Hier kann man sehr deutlich zwei Perioden unterscheiden, die ganz wesentlich von den in ihr entstandenen Instrumenten geprägt sind. Für das siebzehnte, achtzehnte und beginnende neunzehnte Jahrhundert sind die es die Orgeln der Familien Clicquot und Thierry, für die letzten beiden des neunzehnten und das erste Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts die Werke des genialen Aristide Cavaillé-Coll. Die Orgelkomponisten besonders in der Zeit Cavaillé-Colls waren zumeist auch Komponisten, die für die Klänge ihrer Instrumente schrieben. Dem muss man an einer deutschen Orgel Rechnung tragen. Auch hier hat die Orgel der Lutherkirche einiges zu bieten.
In der Zeit nach der französischen Revolution wurde ein Großteil der Klöster und Kirchen und damit auch der historischen Orgeln zerstört. Dies ist ein Grund dafür, dass Cavaillé-Coll fast bedeutenden Kirchen Frankreichs mit dem von ihm geschaffenen Orgeltyp ausstattete. Aus seiner Werkstatt stammen 510 Instrumente, die sich fast alle in Frankreich befinden.
Die französische Orgelkultur im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert ist insgesamt aufregender und farbiger als zum Beispiel in Deutschland. Insofern kann die heute erklingende Auswahl von zwanzig Minuten in keiner Weise repräsentativ sein. Aber sie vermittelt vielleicht eine kleine Vorstellung vom formale und klanglichen Reichtum, der uns hier überliefert ist.

Ich wünsche Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Aloÿs Claussmann (1850 bis 1026): Entreé op. 66 / 8

Ein Großteil der französische Orgelmusik ist liturgische Musik.
Claussmann ist im Elsass geboren, studierte an der Ecolé Niedermeyer und war von 1873 bis zu seinem Tod Organist und Kapellmeister in Clermont-Ferrand, wo er auch ein Konservatorium gründete.
Sein op. 66 umfasst insgesamt einhundert Stücke. Das Entreé erklingt zu Beginn des Gottesdienstes zum Einzug des Klerus.

Théodore Salomé (1834 bis 1896): Prière

Salomé war Organist der Chororgel der Kirche Sainte-Trinité in Paris. Er schrieb Orgel- und geistliche Chormusik und wirkte auch als Lehrer am Conservatoire.
Das Prière (Gebet) ist in der französischen Orgelmusik zumeist eine sehr stille Musik. Salomés Komposition erklingt hier als Kontrast zum pompösen Entreé von Claussmann.

Jean-Baptiste Nôtre (1732 bis 1807): Suite de 2e aus: Livres de piesses d’orgue par l’organiste de Toul

Nôtre stammt aus der Schweiz, studierte in Paris und war eine zeitlang Titulaire an Notre-Dame de Paris.
Er ist im gleichen Jahr geboren, wie Joseph Haydn, der zwei Jahre älter wurde als Nôtre. Die klassische französische Orgelsuite ist eine Folge mehrerer , zumeist kürzerer Sätze, deren Titel bereits angeben, dass sie für eine bestimmte Kombination von Registern geschrieben wurde, zum Beispiel Cornet, Basse de trompette oder Récit de cromhorne. Nôtre war einer der letzten, der diese Form pflegte. Die neun Sätze seiner Suite wirken vielfach wie Skizzen. Hört man sie aber hintereinander, wirken seine Stücke wie ein Kaleidoskop. Eine vergnügliche Musik.

Alexandre-Pierre-François Boëly (1785 bis 1858): Andante G-Dur

Boëly trägt den Beinamen „französischer Bach“, denn er war der erste Organist in Frankreich, der sich für das Bachsche Orgelwerk einsetzte, dessen Ernst den meisten seiner Kollegen nicht lag. Boëly veranlasste, dass der Umfang der französischen Pedale erweitert wurde, damit man auf ihnen Bach spielen konnte. Sein kleines Andante hat nichts von der Bachschen Strenge und ist vielleicht auch nicht sehr repräsentativ für Boëly. Hier soll es als heiterer Kontrast zum lauten g-moll Nôtres erklingen. Als ich es entdeckte, dachte ich an den „Kleinen grünen Kaktus“ der „Comedian Harmonists“ und hatte Freude.

Louis Niedermeyer (1802 bis 1861): Prélude

Nach seinem Prière vom vergangenen Freitag hier noch einmal Niedermeyer. Ein Stück wie die Abendsonne.

Théodore Dubois (1837 bis 1924): Marche-Sortie

Das Sortie erklingt aus Rausschmeisser zum Ende des Gottesdienstes. Die meisten Sorties in der französischen Musik sind ausgesprochen lustig und manchmal klingen sie ein bißchen oder auch sehr wie Zirkusmusik Französische Organisten hatten natürlich auch Humor, haben Opern oder Tanzmusik geschrieben.
Dubois war Organist der großen Madelaine-Kirche in Paris, daneben Lehrer und später Direktor des Conservatoire.
Mit seinem Kollegen Widor hatte er nicht das beste Verhältnis. Um ihm eins auszuwischen sorgte Dubois dafür, dass Widors bester Schüler Louis Vierne dreimal der Erste Orgelpreis des Conservatoire vorenthalten wurde. Widor rächte sich auf seine Weise. Als Vierne schließlich den Ersten Preis erhielt, veranstaltetete Widor eine Feier, auf der zahlreiche Künstlerpersönlichkeiten des damaligen Paris zugegen waren. Sie hatten großes Vergnügen daran, dass der ebenfalls anwesende Dubois im Verlauf der Feier zielstrebig betrunken gemacht wurde und im Vollrausch schlüpfrige Geschichten aus den Unterrichtsstunden am Conservatoire erzählte und obszöne Lieder sang, die, wie sich Vierne erinnerte „noch einen Feuerwehrmann zum Erröten gebracht hätten“.