Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur achten Auszeit anders.

Kein spannender Krimi, sondern ganz schlicht der Notenstapel mit Werken Josef Gabriel Rheinbergers (Sie erinnern sich: „Consolation“ in Auszeit anders Nummer sechs) regte mich zum heutigen Programm an.
Rheinberger ist ein Komponist, der mir zutiefst sympathisch ist: mit seiner Biographie und in seinem Werk. Beidem kann ein kurzer Text wie dieser nicht gerecht werden. Darum nur zwei Blitzlichter.

1867 wurde Rheinberger (1839 bis 1901) Professor für Orgel und Komposition in München und heiratete die Dichterin Franziska von Hoffnaaß. Diese Ehe, die mit „Fannys“ Tod am Sylvestertag des Jahres 1892 endete, gehört zu den berührendsten Künstlergemeinschaften, nicht nur des 19. Jahrhunderts. Franziska von Hoffnaaß beriet ihren Mann in allen literarischen Fragen und verfasste für ihn mehrere Libretti. Den Abschluss ihres letzten gemeinsamen Werkes, des wunderbaren Weihnachtsoratoriums „Der Stern von Bethlehem“ hat sie nicht mehr erlebt. Und deshalb war es Rheinberger zeitlebens unmöglich, eine Aufführung dieses Werkes zu besuchen. Eine sympathische Fußnote in beider Leben ist mit der Entstehung von Rheinbergers kleiner Messe für Singstimme und Orgel verbunden. Seine Frau hatte selbst begonnen, ein Kyrie zu entwerfen, als ihr Mann ihr das Notenblatt aus der Hand nahm und das Werk zu Ende führte. Innerhalb kürzester Zeit war dann eine komplette Messe komponiert.

Als Komponist begann Rheinberger schon im frühen Jugendalter. Und es scheint mir, dass er die Grenzen des jeweils erreichten Niveaus nie überschritten hat, sie aber über seine gesamte Schaffenszeit kontinuierlich auszuweiten verstand. Insofern sind auch seine frühen Kompositionen für mich perfekte Musik.

Wie auch zwei frühe Kompositionen Bachs und Beethovens in dieses Programm gelangen, erfahren Sie weiter unten. Eröffnen wollte ich es mit der festlichen D-Dur-Fughette aus op. 123. Aber hier war ich nicht nur mein eigener Ton- sondern auch noch Löschmeister. Die Aufnahme verschwand, eine zweite liefere ich demnächst nach. So ist es heute wieder etwas still.

Trotzdem wünsche ich Ihnen Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihr Ludwig Audersch

Josef Gabriel Rheinberger: Prelude aus „Sechs Stücke für Orgel“, WoO 26

Es beginnt im Piano und kehrt über kleine Steigerungen und deren Zurücknahmen in die Stille zurück.

Josef Gabriel Rheinberger: Trio B-Dur aus op. 189

Es ist bezeugt, dass Rheinberger als Organist regelmäßig Bach und andere barocke Meister spielte und dass Bachs Musik auch in seinem Orgelunterricht eine wichtige Rolle spielte. Die „Goldberg-Variationen“ bearbeitete er für zwei Klaviere. Darum hier vier Stücke in den Tonarten B (Dur) a (moll) C (Dur) und h (moll). Wie schon das kleine Andante Boëlys erinnerte mich auch Rheinbergers Trio an den kleinen grünen Kaktus ...

Josef Gabriel Rheinberger: Trio a-moll aus op. 49

Vor seinem großen Trio-Zyklus op. 189 schrieb Rheinberger seine konzentriertere Serie op. 49. Wie hier auf engstem Raum jede Note am richtigen Platz steht und keine Note überflüssig ist, nötigt mir allerhöchsten Respekt ab. Trotz des naürlich auch pädagogischen Aspekts dieser Stücke haben wir es vor allem mit großer Musik zu tun.

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750): Fantasie C-Dur, BWV 570
Josef Gabriel Rheinberger: Fuge C-Dur aus op. 123

Dem fast vollendeten Projekt eines Zyklus von 24 großangelegten Orgelsonaten durch alle 24 Dur- und Molltonarten steht der kleinere und abgeschlossene Zyklus der 24 „Fughetten strengen Stils“ op. 123 gegenüber, der nach dem gleichen Prinzip konzipiert ist. Das Thema der Fuge in C-Dur ist aus dem BACH-Motiv gebildet. Und es hat mich gereizt, dieser Fuge ein Jugendwerk Johann Sebastian Bachs voranzustellen.

Josef Gabriel Rheinberger: Largo espressivo h-moll aus „Monologe“ op. 162

Im großen Orgelwerk Rheinbergers finden sich lediglich zwei Choralbearbeitungen. Und beide variieren das Sterbelied „Wenn ich einmal soll scheiden“, das auch die Passacaglia-Komposition „In memoriam“ aus op. 156 bestimmt. In den beiden Choralbearbeitungen hören wir die Choralmelodie im Bass. Die spätere aus den „Monologen“ ist ein Trio, in dem sich beide Hände in einer permanent durchlaufenden Sechzehntelbewegung abwechseln. Ein tiefe und ernste Musik.

Josef Gabriel Rheinberger: Praeludium D-Dur aus „Zehn Orgelstücke“ WoO 25
Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827): Fuge D-Dur, WoO 31

Eine Zusammenstellung zweier Jugendwerke, die mich reizte. Rheinbergers Praeludium überzeugt trotz seiner Kürze wegen seiner Geschlossenheit. Beethovens Fuge ist eine der wenigen originalen Orgelkompositionen des 2020er Jubilars. Zwar wirkte er in seiner Jugend regelmäßig in Bonn als Organist, aber wie bei Mozart oder Bruckner führte das nicht zu einer nennenswerten Produktion von Orgelmusik. Die eigentliche Fuge ist zweistimmig. Kurz vor Schluss kommt es zu einer Stimmenverdichtung über einem Orgelpunkt und das Werk endet mit einem achtstimmigen Schlussakkord.

Auch Beethoven war ein Komponist, den Rheinberger zeitlebens bewunderte und verehrte. Eine der wenigen lustigen Rheinberger- Anekdoten hat unmittelbar mit ihm zu tun. In Rheinbergers Münchner Nachbarschaft wohnte ein bekannter Zitherspieler namens Petzmayer, der in seiner Jugend Beethoven begegnet war. Um mit ihm ins Gespräch zu kommen, setzte er sich eines Tages in ein Café, in dem Beethoven seine Zeitung zu lesen pflegte und nahm ebendiese Zeitung vor Beethovens Eintreffen in die Hand, um so mit dem Meister ins Gespräch zu kommen. Und Rheinbergers Schüler August Schmid-Lindner erzählt weiter: „Über den fatalen Ausgang der Szene, bei welcher Beethoven wortlos mit einem Gewaltstreich sich in den Besitz der Zeitung setzte, berichtete Petzmayer in späteren Jahren seinem jüngeren Nachbarn, der mir den Vorgang höchst drastisch vorführte. In Petzmayers Rolle mußte ich Platz nehmen und mich in ein Zeitungsblatt vertiefen, während Rheinberger als Beethoven gesenkten Hauptes, mit unwirrschem Blick wie ein lauernder Löwe das Zimmer durchirrte, in meiner Nähe angekommen aber, ohne daß ich mich dessen versah, mir mit einem jähen Ruck die Zeitung entriß und sofort den Rücken kehrte. Von Herzen konnte er dann lachen – freilich fand ich ihn nur selten in so glücklicher Stimmung.“

Josef Gabriel Rheinberger: „Abendfriede“ aus „Zwölf Charakterstücke“ op. 156

Stiller Ausklang für heute ist Rheinbergers ebenfalls in D-Dur stehender „Abendfriede“. Eine wunderbar in sich ruhende Komposition.