Auszeit anders.

Herzlich willkommen zur dreizehnten und vorerst letzten Auszeit anders.

Die Zahl schreckt mich nicht: nach dreizehn Wochen, in denen ich fast täglich in die Kirche radelte oder fuhr, um für die Auszeiten anders, unsere Online-Gottesdienste und andere Gelegenheiten Musik aufzunehmen, brauche ich nun selbst eine Auszeit. Auszeit von der Auszeit.

Zum Abschluss wird es heute ein wenig sommerlich und ich kann sogar vier Uraufführungen anbieten. Lassen Sie sich überraschen.

An dieser Stelle ein dreifacher Dank:

  1. Allen Hörern, die mir freundliche Rückmeldungen gaben und mich ermutigten, immer wieder die Record-Taste zu drücken.
  2. Jan-Marco Schmitz, der dreizehn Auszeit-Lieferungen entgegennahm, sie nach meinem Gefühl auch immer noch klanglich aufgehübscht hat, sie zu meiner völligen Verwunderung immer rechtzeitig auf unsere Web-Site transferierte und eine Präsentationsform ersann, die es auch mir Internet-Idioten ermöglichte, mich selbst zu hören.
  3. Meiner Frau Corinna, die ohne vorherige Absprache mit in dieses Abenteuer ging und über alle Wochen hinweg ertrug und tolerierte, ermutigte und an meiner Seite war. 

Wie immer wünsche ich und wünschen wir Freude beim Hören, Mitsummen und Mitbeten.
Bleiben Sie behütet.

Herzlich:
Ihre Corinna Elling-Audersch,
Ihr Ludwig Audersch.

 

 

Die Isa aus der Neuen Combo bat mich, ich möge in einer Auszeit anders doch auch einmal das Lied Geh aus, mein Herz, und suche Freud spielen. Einfach ein paar Strophen war mir zu simpel. So habe ich mir freundschaftlich verbundene Kollegen gefragt, ob sie mir, ganz im Stil der Alten, jeweils einen kurzen Orgelvers schreiben würden.

Einige fanden keine Zeit, was ich gut verstehen kann. Denn wir arbeiten angesichts der Corona-Herausforderung zwar nicht wie gewohnt, aber anders, und genauso viel und das meiste kostet unglaublich viel mehr Zeit. Lange nachgedacht habe ich über eine ganz spezielle Antwort auf meine Einladung: nach drei missratenen Sommern in Folge, schrieb der Kollege, könne er dieses Lied nicht mehr singen und würde es am liebsten ganz aus dem Verkehr ziehen. Ich dachte an Paul Gerhardt und seine Zeit und daran, dass unsere überschwemmten oder überhitzten Sommer der letzten Jahre und die hinter uns liegenden Corona-Wochen doch eigentlich ein Klacks sind gegen ein Leben mit drei Jahrzehnten Krieg und Krankheiten, die einem reihenweise die Liebsten rauben. Und dann entsteht trotz dieses Elends ein solches Lied. Ein großes Thema: unsere Alten und ihre Biographien.

Johann Caspar Simon (1701 bis 1776): Praeludium und Fuge D-Dur

Als Einstimmung oder Trotzdem erklingt zum Eingang ein kleines Stück des Thüringers Johann Caspar Simon, ein irgendwie naiv-überwältigendes Werk. Vierzehn solch winziger Dinger hat er geschrieben und sie zu spielen, macht einfach Freude.

Jan Křtitel Kuchař (1751 bis 1829): Pastorella
František Xaver Brixi (1732 bis 1771): Sẏkorka – Die Meise
Jan Křtitel Kuchař (1751 bis 1829): Pastorella

Auf einem Umweg über Böhmen nähern wir uns weiter unserem sommerlichen Thema. Die zu großen Teilen ansteckend-fröhliche Musik des Mozartfreundes Jan Křtitel Kuchař spiele ich immer gern.
Seine Pastorella in C-Dur ist in zwei Fassungen überliefert. Hier kann ich einmal beide ins Programm nehmen. Dazwischen Brixis entzückendes Vogel-Stücklein. Paul Gerhardt lässt schon grüßen.

Thomas Pehlken (geboren 1970): Variation zu „Geh aus, mein Herz“

Jetzt die Miniaturen der Kollegen. Bei allen vier Stücken habe ich überlegt, welche Paul-Gerhardt-Strophe wohl am besten passen würde. Meine Frau Corinna wird sie singen. Als alles fertig geschnitten war und ich es zum ersten Mal hintereinander hörte, musste ich doch schmunzeln. Sie hoffentlich auch.

Thomas Pehlken studierte Musik in Köln und Krakau und lebt in Köln. Dort wirkt er als Kirchenmusiker, ist an der Orgel und am Klavier ein Interpret, der wirklich etwas zu sagen hat und komponiert richtig spannende Musik. Auf Youtube kann man einiges hören. Hören Sie mal rein ! Es lohnt sich.
Lieber Thomas, Danke für Deinen Beitrag mit cantus firmus im Alt. Wir müssen uns mal wieder treffen.

Joachim Eichhorn (geboren 1946): Geh aus, mein Herz, und suche Freud ! – Kuckuck ! –

Das zweite Stück stammt aus der Feder vom Kollegen Joachim Eichhorn. Ich sage bewusst aus der Feder, weil Joachim wirklich noch mit der Hand schreibt. Als wir vor vielen Jahren in einer schönen Kollegen-Runde an unserem Choralbuch kreativ arbeiteten, hatte er deshalb seinen Spitznamen weg: der noch mit der Hand schrieb. Joachim Eichhorn studierte Kirchenmusik in Frankfurt/Main, war danach Assistent von Helmut Rilling und vor allem von 1979 bis 2011 erfolgreicher und prägender Domkantor in Wetzlar. Seit 1996 Kirchenmusikdirektor, nimmt er auch einen Lehrauftrag an der Frankfurter Musikhochschule wahr. Lieber Joachim, Danke für Deinen Beitrag mit Kuckuck und Improvisationserlaubnis.

Stephan Paul Audersch (geboren 1961): Geh aus, mein Herz, und suche Freud.

Auch mein Bruder Stephan war sofort bereit, etwas zu dieser letzten Auszeit anders beizutragen. In der vergangenen Woche spielte ich bereits zwei Stücke von ihm und war wirklich bewegt, als er mir schrieb, dass er an den vergangenen Freitagen immer am Gerät saß und zuhörte. Joachim Eichhorn kann sich über einen Verbündeten freuen, denn auch Stephan schreibt noch mit der Hand. Wenn ich aus dem Material meiner Aufnahmen meine liebsten Schreie veröffentlichen sollte, wäre es auch einer an meinen Bruder: Sauklaue, schaff Dir mal ein Notenprogramm an ! Lieber Bruder, Danke für Deinen Beitrag und nimm es mir nicht übel: aber ich dachte ständig an ein Huhn. So spiele ich es denn wohl auch und Corinna singt deshalb die Strophe mit der Glucke.

Wiener Callcenter (gegründet 1959): Trumpet tune „Geh aus, mein Herz“

Ich wollte auch etwas schreiben, aber mir fiel nichts ein. Also habe ich ein vertrauenswürdiges Call-Center in Wien angerufen, das für seine Zuverlässigkeit bekannt ist. Da meldeten sich gleich vier Herren: der Ludi, der Franzl, der Jupp und der Wolf. Dös is koa Problem, in der früh soan ma fertig.

Als ich es spielte, kam mir das alles irgendwie bekannt vor. Aber die Zeit drängte und koast hats oa nix. Also flugs aufgenommen.

Padre Mateo António Pérez de Albeniz (1755 bis 1831): Sonate D-Dur

Nachzählen, wieviele Stücke ich in diesen dreizehn Wochen aufgenommen habe, wollte ich nicht. Aber als ich nun final meine Noten wegsortierte (die Orgelempore glich einem Blätterwald) und ein wenig in mich hineinhorchte, drängte sich eine Sonate vor, die in der Auszeit aus Spanien auf dem Programm stand. Hier soll sie  in ihrem fröhlichen D-Dur noch einmal erklingen.

Joachim Thoms (geboren 1960): spielt eine Improvisation (an der Schuster-Orgel seiner Kirche in Berlin-Weissensee) über Geh aus, mein Herz, und suche Freud.

Kennen Sie die Entstehungsgeschichte der Diabelli-Variationen von Ludwig van Beethoven? Der Wiener Komponist und Verleger Antonio Diabelli komponierte einen kleinen Walzer, schickt ihn an einige Kollegen und bat um eine knappe Variation. Brav kamen fünfzig der Eingeladenen der Bitte nach und lieferten dem Auftrag gemäß ihre Kabinettstückchen. Der Einundfünfzigste hieß Ludwig van Beethoven. Er machte aus Diabellis Vorlage erst einmal ein richtiges Thema und lieferte dann nicht eine, sondern dreiunddreissig Variationen, eben jene Diabelli-Variationen op. 120, die zu einem Gipfelwerk der Klavierliteratur wurden.

An diese Geschichte musste ich denken, als der Beitrag des Kollegen JoachimThoms einlief. Es war ein mp3-Anhang und ich dachte, das würde eine Gehörbildungsaufgabe. Wir haben beide in Görlitz Kirchenmusik studiert und hatten in diesem heiklen Fach denselben Lehrer. Dann hörte ich und hörte und hörte und merkte: der Achim improvisiert. Und es nahm kein Ende. Und es wurde immer schöner. Hier kommt, von ihm selbst grandios in die Tasten gehauen, seine Sicht auf Paul Gerhardt.

Zuletzt sahen wir uns wohl 1995, bevor wir von Berlin nach Solingen wechselten. Zwischendurch gab es nur ganz sporadische Kontakte. Aber immer hatte ich das Gefühl, dass wir nie bei Null anfangen müssen. Haben Sie Freude an Achims Brocken und besuchen Sie seine listige Web-Site. Toller Mann.

Lieber Achim, Danke für Deinen Beitrag. Vielleicht sehen wir uns in diesem Sommer an der See?

Anonymus (18. Jahrhundert): Choralpartita Du Friedefürst, Herr Jesu Christ

Die erste Auszeit anders bestand als vorsichtiges Herantasten an die Materie aus nur zwei Stücken. Das zweite war eine zarte Choralbearbeitung des Rheinberger-Schülers Elias Oechsler zu Luthers Verleih uns Frieden gnädiglich. Daran möchte ich mit meinem vorletzten Beitrag anknüpfen. Aus der Feder eines anonymen Meisters stammt eine kleine Partita zu dem schönen und leider nicht im Gesangbuch stehenden Choral Du Friedefürst, Herr Jesu Christ. Sie findet sich bereits in meinem Ton-Archiv. Aber ich hatte damals alles ganz korrekt gespielt, und nach den vielen Pausen musste sich der Ton offensichtlich stets auf ein bestimmtes Level hocharbeiten. So etwas bekam ich dann immer erst zu Hause mit: jaul, jaul und lösch. Heute habe ich es noch einmal aufgenommen, wieder mit Freude, aber auch mit ordentlich Saft.

Spanischer Anonymus (18.Jahrhundert): Rondo Es-Dur

Womit soll ich mich verabschieden? Aus Barcelona brachte ich mir vor etliche Jahren einiges an spanischer Orgelmusik mit. Und über meine Liebe zum Süden habe ich in den vergangenen Wochen hier manches geschrieben und mich ersatzweise auch dorthin gespielt. Hier als ein Schlaflied ein innig-schönes Rondo. Gute Nacht.